Leben Schreiben Atmen

Leben Schreiben Atmen von Doris Dörrie

Das Buch ’Leben, Schreiben, Atmen’ von Doris Dörrie hat mich ins Schreiben gebracht. 

Hier ein Zitat: 

Die Erinnerungen verändern sich und wandern. Sie werden zu Geschichten, zu unseren gemeinsamen Geschichten, unserem Kosmos der menschlichen Erfahrungen, den es immer neu zu füllen gilt mit ihrer Einzigartigkeit. Deshalb ist persönliche Geschichte erzählenswert. Die genaue Beschreibung der Einzigartigkeit jedes einzelnen von uns bewahrt uns vor der Vorstellung, dass die Dinge klar und einfach sind. Sind sie nicht. Sie in all ihrer Widersprüchlichkeit zu beschreiben ist Waffe gegen Dogmatismus und Ausgrenzung. Allein deshalb sollten wir uns erinnern. Und schreiben. 

(S.66, gebundene Ausgabe, Diogenes Verlag 2019)

Geschrieben habe ich immer schon, Tagebücher stapeln sich im Schrank und begleiten mich durch alle Umzüge. Einige Bücher sind nur halb voll geschrieben. Immer wieder habe ich gerne neu angesetzt, ein neues Buch geöffnet.

„Das Leben ist eine Reise zu mir selbst“ steht in einem alten Tagebuch. Die Aufbrüche habe ich geliebt, und auch das Unterwegs-Sein. Die Reisen mit dem Rucksack in klapprigen Bussen, und auf den Fähren in Griechenland, immer an Deck und immer im Sommer.

Es gab Aufbrüche, die alles verändert haben. Der Aufbruch nach Athen in den 1980ern war eine Mutprobe. Was bleibt von mir, ohne die Berliner Umgebung, meine Freunde und meine vertraute Sprache? Wie fühlt es sich an, im Kokon der Fremdheit zu leben? 

Dieses neue Leben fühlte sich gut an. Aber Griechenland war nach drei Jahren zur Sackgasse geworden. Das Loslassen tat weh, und doch kam der Aufbruch zum richtigen Zeitpunkt. Das Berufsleben mit dem Goethe-Institut begann in Ankara, und damit die ganz große Reise.

Dort lernte ich das Ankommen in einer Stadt, die ich mir nicht ausgesucht hatte. Ohne die Erfahrung in Athen wäre es schwierig geworden. In den den ersten Ankaraner Wochen im Januar 1987 stand ich lange unter der heißen Dusche, um nicht zu frieren vor Einsamkeit. 

Das Ende des Berufslebens im März 2021 war wieder eine Mutprobe: was bleibt, wenn das Hamsterrad stillsteht, die Bedeutungsmaschine Goethe-Institut weg ist? Es war auch eine Ego-Aufplusterungsmaschine mit all den Konferenzen, Dienstreisen und so weiter.

Im Juni 2022 weiß ich, dass der Absprung gelungen ist. Ankommen im Leben an der Ostsee: eine schöne Stadt, Strand, Bodden und stille Wege durchs Hinterland. Was bleibt? Das Interesse an der Welt, an der Kunst, an der Literatur. Vieles ist neu gewonnen: neue Umgebung, neue Freunde, das Engagement im Kunstverein Stralsund. Mehr Lebensfreude, und Energie für das Schreiben.

Stralsund Rathausfassade
Stralsund Rathausfassade

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.