1968 – Der große Knall

Christel mit lila Koffer

Familienurlaub im Frankenwald, ich bin zehn Jahre alt. Mir ist langweilig, ich wäre lieber die ganzen Sommerferien mit den Freundinnen im Berliner Prinzenbad geblieben. Wie immer sind wir zu fünft unterwegs: Vater, Mutter, Oma, große Schwester und ich. Wir wohnen in Pensionszimmern, die vor allem nicht viel kosten dürfen. Diesmal ist es ein Bauernhof, und es gibt dort andere Kinder. Beim Spielen vergesse ich die bedrückende Atmosphäre unserer Familie.

Ein Tagesausflug in den nahe gelegenen Kurort, mein Vater ist wie so oft abwesend. Er läuft allein herum und kauft Postkarten, die er in Alben sammelt. Meine Mutter schimpft, alles ist ihr zu teuer. Meine Oma, ihre Mutter, weiß auch nicht mehr wie sie uns bei Laune halten kann. Meiner Schwester ist mit 16 sowieso alles zu viel. Ich habe mein lila Pappköfferchen dabei, und wäre mal wieder am liebsten weit weg.

Am Abend darf ich bei den anderen Kindern schlafen, das finde ich toll. Der große Knall passierte in der Nacht. Ich habe ihn nicht gehört. Aber die Wellen, die von dieser Explosion ausgehen, zerstören die Familie, wie ich sie bis dahin kannte.

Familie

Am nächsten Morgen schauen die Erwachsenen betreten. Meine Mutter verweint, meine Tante ärgerlich. Wo kommen sie und mein Onkel auf einmal her? Mein Vater, ganz links im Bild, hat einen gebrochenen Kiefer, gibt sich aber unbeeindruckt.

In der Nacht zuvor hat er meine Mutter und meine Schwester bedroht und geschlagen, dann ist der Pensionswirt eingeschritten und hat die Lage mit einem Kinnhaken beruhigt. 

Nun sollen uns die Verwandten abholen, der Urlaub ist vorbei. Meine Mutter hat keinen Führerschein, irgend jemand muss den überladenen Opel durch ’die Zone’, über die Transitstrecke der damaligen DDR nach West-Berlin fahren.

Ich begreife nichts, hüpfe nervös lächelnd auf einem Bein. Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich nicht mehr sicher an. Meine Schwester und ich erfahren, dass mein Vater schon früher gewalttätig war. Der Nervenarzt stellte 1950 die Diagnose Schizophrenie, verordnete Medikamente die mein Vater viele Jahre lang nahm. Das erklärt seine scheinbare Ruhe und Passivität. Meine Mutter hatte das Familienleben in der Hand. Er entzog sich, hatte seine Hobbys und auch Affären. Davon wußte ich als Kind nichts. Meine Mutter war streng zu meiner Schwester und mir, sie war unglücklich in dieser Ehe, mit diesem Mann. Fünf Jahre der Trennung, Krieg und Gefangenschaft hatten ihn verändert. Sie versuchten es miteinander, es ging nicht gut. Aber das ist eine andere Geschichte.

Im Herbst 1968 ist die Geborgenheit vorbei. Ich weiß nicht, wie ich das Bild meines Vaters neu zusammensetzen soll. Er verliert seine Arbeit, verursacht einen schweren Autounfall, liegt im Krankenhaus. Meine Schwester lernt in dieser Zeit ihren ersten Freund kennen, meinen späteren Schwager. Meine Mutter und Schwester sprechen von  meinem Vater wie von einem Monster, Tante und Oma sowieso. Und doch wird die Fassade aufrecht erhalten, eine Scheidung kommt für meine Mutter nicht in Frage. Im Sommer 1969 ein Versuch der Harmonie, meine Eltern feiern Silberhochzeit. Danach wird es sehr schwierig. Mein Vater hört oft laute Musik, immer wieder Schlager von Heintje. Er fühlt sich bedroht, eingeengt, und zugleich allmächtig. Er trinkt zu viel, beschimpft uns und schlägt um sich.

Am Abend der Eskalation komme ich von der Geburtstagsfeier einer Freundin, und gehe müde ins Bett. Meine Eltern haben Besuch, es liegt Unheil in der Luft. Laute Musik, wilde Reden, Drohungen, Schläge, Geschrei. Wir flüchten über den Flur zu den Nachbarn, ich im Nachthemd. Es ist Februar. Ich gehe nochmal zurück, hole Mantel und Schuhe. Mein Vater ist allein in der Wohnung, mich schlägt er nicht. Die Freunde, die zu Besuch waren, nehmen uns drei mit. Dort auf dem Sofa soll ich schlafen und muss mich erst mal übergeben von all dem Kindergeburtstagsessen und der Aufregung. 

Wie soll es weitergehen? Nichts anzuziehen, keine Schulsachen, natürlich auch kein Geld. Meine Mutter und ich kommen bei meiner Oma unter. Zu dritt in der Einzimmerwohnung ohne Bad, Toilette im Treppenhaus. Meine Mutter schläft auf einer Campingliege in der Küche, ich neben dem Bett meiner Oma auf einer undichten Luftmatratze, die morgens platt ist. Meine Schwester wohnt bei Tante und Onkel.

Zum zwölften Geburtstag gibt es keine Feier mit Freundinnen. Die Schulsachen und etwas Kleidung holen wir unter Polizeischutz aus der Wohnung. Nach vier Wochen dürfen wir wieder einziehen und mein Vater muss die Wohnung verlassen. Er bleibt in der Gegend, lauert meiner Mutter auf und will Geld. Wir haben nichts, müssen außerdem seine Schulden zahlen und die Miete. Meine Mutter arbeitet nun ganztags, meine Schwester baut mit ihrem Verlobten ein Nest in der neuen Wohnung. Ich bin oft allein, das ist mir ganz recht. Es gibt viele Gedanken zu sortieren. 

Der Schulwechsel aufs Gymnasium klappt einigermaßen. Die Überfliegerin aus der Grundschule bringt im Probehalbjahr Dreier und sogar eine Vier nachhause. Meine Mutter findet, die Mittlere Reife genüge. Das Abitur würde ich sowieso nicht schaffen, und warum auch. Das war bisher in unserer Familie nicht üblich. Mein zukünftiger Schwager überzeugt sie, mich aufs Gymnasium gehen zu lassen.

Dann taucht mein Vater wieder auf. Zu meiner großen Verwunderung und zum blankem Entsetzen meiner Schwester nimmt meine Mutter ihn wieder auf. Angeblich nimmt er jetzt seine Medikamente und hat wieder Arbeit. Als Vater kann ich ihn nicht mehr ernst nehmen, wir sind uns fremd. Es geht nicht lange gut, dann ist er wieder weg. Meine Schwester auch, frisch verheiratet und glücklich. Meine Mutter lässt sich endlich scheiden.

Mitten in diesem verrückten Jahr liege ich im Bett und habe zum ersten Mal meine Tage. Es fühlt sich an wie ein endgültiges Urteil. Aus mir wird nun doch eine Frau, wie meine Mutter immer gesagt hat. Irgendwann werde ich heiraten, nette Schürzen tragen, Kartoffelsalat zubereiten und mich von meinem Mann rumschubsen lassen. 

Aber vorher will ich eine wilde Zeit haben, und die beginnt, sobald der Schmerz nachlässt und die elende Blutung aufhört. Glitzerlidstrich und eine durchsichtige Bluse sind ein guter Einstieg, finde ich.

Glitzerlidstrich
Glitzerlidstrich 1971

2 Kommentare

  1. Ich habe alles gebannt gelesen. Was für eine emotional bewegte Zeit des Erwachsenwerdens. Durch kleine Begebenheiten im Alltag oder Äußerungen von Freunden tauchen auch bei mir ganze Erinnerungsgeschichten auf. Ich bin zwar mehr ein Jetztmensch, tauche aber trotzdem gern immer mal wieder tief hinab in die “ anderen Leben“.

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